Unter allen Umständen – vertrauliche Geburt

Eine Schwangerschaft dauert neun Monate. Genug Zeit, um in Ruhe zu überlegen, unter welchen Umständen das Kind zur Welt kommen soll, oder? „Viele Menschen halten es für ein Gerücht, dass Frauen ihre Schwangerschaft nicht bemerken, aber ich habe über die Jahre schon mehr als einen solchen Fall erlebt“, sagt Iris Jares, die erfahrene Fachberaterin für Schwangerschaftskonflikte bei der evangelischen Beratungsstelle Duisburg/Moers. Wenn Frauen ihre Lebenssituation subjektiv als bedroht erleben, durch eine gewalttätige Partnerschaft, eine seelische Erkrankung oder materielle Not, dann kann ihr Körper die äußeren Signale einer Schwangerschaft unterdrücken. Vielleicht ein Schutzmechanismus aus grauer Vorzeit, als sichtbare Hilflosigkeit einen leicht zum Opfer machen konnte.

Namen im versiegelten Umschlag

Auch Frauen, die von den einsetzenden Wehen regelrecht überrascht werden, soll das neue Bundesgesetz zum „Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt“ noch zugutekommen, das seit Mai in Kraft ist. Es soll Müttern, die ihr Kind nicht behalten wollen, unter allen Umständen, den Weg zu einer medizinisch betreuten, legalen Geburt erleichtern, bei der ihre Anonymität gewahrt bleibt. Aber es berücksichtigt auch den Anspruch des Kindes auf Informationen über seine Herkunft.
Entbindet eine Frau unter falschen Namen, hat sie keine medizinische Betreuung mehr, sobald sie das Krankenhaus ohne ihr Kind verlässt. Die Klinik bleibt auf den Kosten sitzen und das Kind hat keine Chance, jemals etwas über die Mutter zu erfahren. Bei der vertraulichen Geburt, zu der sich die Frau nach einer ergebnisoffenen Beratung entschließt, nennt sie der Beraterin - und nur der - ihren wahren Namen. Für alle anderen bleibt sie unter einem selbstgewählten Pseudonym. Die Beraterin legt den Namen der Frau in einem versiegelten Umschlag nieder, der später dem Kind zugeordnet werden kann. Mit 16 Jahren erhält das Kind auf Antrag Einblick in den Umschlag. Wenn die Mutter weiterhin anonym bleiben möchte, wägt ein Familiengericht die Ansprüche von Mutter und Kind gegeneinander ab.

Weiter betreut, solange sie es wünscht

Bei der vertraulichen Geburt bezahlt der Bund die Behandlungskosten. Die Frau ist aus der rechtlichen Grauzone heraus und wird von ihrer Schwangerschaftsberaterin weiter betreut, solange sie es wünscht.

Bundesweit 100 Fachkräfte

Inzwischen haben bundesweit 100 Fachkräfte aus dem Netzwerk der Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen die Fortbildung rund um die vertrauliche Geburt gemacht, aber noch sind viele praktische Fragen offen. „Das fängt bei der Zahl der Frauen an, die dafür in Frage kommen“, sagt die Leiterin der Beratungsstelle Ulrike Stender, die als Mitglied des Bundesvorstandes der evangelischen Konferenz für Familien- und Lebensberatung dem neuen Gesetz mit auf die Welt half. Ob die Schätzung von 100 Frauen im Jahr im Deutschland zutreffen, muss die Zeit zeigen. In drei Jahren wird das Gesetz auf seine Wirkung überprüft und gegebenenfalls an die neuen fachlichen Erfahrungen angepasst. Nun geht es vor allem darum, das Hilfsangebot bekannter zu machen. Stender und Jares sind nicht überzeugt, dass es schon genug „Reklame“ gegeben hat. Seit Mai ist das, rund um die Uhr besetzte, Hilfstelefon „Schwangere in Not – anonym und sicher“ erreichbar. Dort können Schwangere in mehreren Sprachen beraten werden und erfahren, welche Fachkraft in einer der 1600 Schwangerschaftsberatungsstellen für sie zuständig ist. Das kostenlose Hilfstelefon ist zu erreichen unter der Nummer 0800 40 40 020, im Internet gibt es Infos unter www.geburt-vertraulich.de.

Text und Bild: Sabine Merkelt-Rahm

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