„Lass uns dahin gehen, wo Menschen uns brauchen“

Leiterin der Ev. Beratungsstelle Duisburg / Moers geht in den Ruhestand

[27.04.2016]

Als die Diplom-Psychologin Ulrike Stender 1979 in der Ev. Beratungsstelle Duisburg / Moers begann, war Helmut Schmidt Bundeskanzler, Schüler hatten 13 Jahre Zeit für das Abitur, die offizielle Arbeitslosenzahl lag bei  unter 1 Mio, Fernsehen bestand aus drei öffentlich-rechtlichen Programmen, Familie hieß Vater, Mutter, Kinder. Jetzt gibt es Hartz IV, befristete Arbeitsverträge als Normalzustand, vielfältige Familienkonstellationen und hinsichtlich von Normen und Werten größere Freiheit und Unsicherheit. Diese Veränderungen zeigten sich Ulrike Stender fast unmittelbar:

Jährlich stellte sie der Öffentlichkeit in einem Bericht dar, wie viele Menschen aus dem westlichen Ruhrgebiet und vom Niederrhein mit welchen Sorgen in die Beratungsstelle kamen. „Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung führt für immer mehr Menschen dazu, dass ihre soziale Integration und seelische Gesundheit angegriffen und gefährdet werden“ beschreibt die Beratungsstellenleiterin die Problematik.

Kind des Ruhrgebiets

Ulrike Stender ist selbst ein Kind des Ruhrgebiets. 1951 in Essen geboren, studierte sie in Bonn Psychologie, beendete das Studium mit einer Zusatzausbildung „Klientenzentrierte Psychotherapie“ und schloss die Zusatzqualifikation zur Familientherapeutin an. In Mülheim übernahm sie 1975 ihre erste Stelle in der neu gegründeten städtischen Erziehungsberatungsstelle. 1979 wechselte sie in die ebenfalls gerade entstandene Ev. Beratungsstelle Duisburg / Moers, die psychologische Beratung in Erziehungs-, Familien-, Ehe-, Partnerschafts- und Lebensfragen leistet und seit 2001 auch Schwangerschaftsberatung und Schwangerschaftskonfliktberatung anbietet. Sie wird von den beiden Kirchenkreisen Moers und Duisburg getragen. 1998 übernahm Ulrike Stender die Leitung der Beratungsstelle.

Bessere Entwicklungschancen ermöglichen

Neben den negativen gesellschaftlichen Entwicklungen, hat sie aber auch viel Positives feststellen können. „Es  ist erfreulich, dass Eltern jetzt unsere Beratung bereits in Anspruch nehmen, wenn sie erste Auffälligkeiten in der Entwicklung ihrer Kinder feststellen“, sagt Ulrike Stender. Das ist sinnvoll, etwa wenn Kinder wegen Trennung der Eltern verstört sind, oder wenn finanzielle Sorgen, Arbeitslosigkeit etc. das Familienleben vergiften und die Kinder darunter leiden. Auch dass Eltern heutzutage schon im Baby- oder Kindergartenalter ihres Kindes Beratung suchen, z. B. wenn sie unsicher in der Erziehung sind, sieht sie als Fortschritt. „Durch ‚frühe Hilfe‘ für die Eltern können wir dem Kind bessere Entwicklungschancen ermöglichen.“ Die Kehrseite: Bei gleichbleibender Mitarbeitendenzahl der Beratungsstelle wird es immer schwieriger, der Vielzahl der Ratsuchenden gerecht zu werden. Denn auch ältere Kinder leiden unter zunehmenden Problemen, Leistungsdruck, Mobbing, Krisen der Eltern etc. „Hier muss von Seiten der Politik deutlich besser gefördert werden“, kritisiert sie.

Menschen in ihrer Würde

Andere Probleme konnte sie selbst gut abfedern. Als etwa dem Kostendruck folgend 2004 die vier Dienststellen der Beratungsstelle auf zwei zusammengelegt werden mussten, hat Ulrike Stender durchsetzen können, dass für Hilfesuchende vom linken Niederrhein eine Stelle in der gut erreichbaren Moerser Humboldtstraße angesiedelt wurde, und dass die Duisburger Adresse der Beratungsstelle im Ortsteil Hamborn sein würde. „Lass uns dahin gehen, wo Menschen uns brauchen, und wo noch kein Angebot existiert“, warb sie damals für den Duisburger Norden. „Die anderen Stadtteile sind durch andere Träger gut versorgt.“ Eine gute Entscheidung, wie der Anteil der Besucherinnen und Besucher aus den nördlichen Duisburger Stadtteilen zeigt: „Wir fangen ganz viel von sozialer Problematik hier auf. Wir müssen keine Werbung machen. Dass man hier die Menschen in ihrer Würde sieht und sie nicht nach äußerlichen oder finanziellen Kriterien beurteilt, das hat sich herumgesprochen. Die Akzeptanz ist groß. Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund z. B. ist mit 34 Prozent sehr hoch. Viele davon sind Muslime, obwohl wir eine evangelische Beratungsstelle sind.“

Gewissensentscheidung, die langfristig tragbar ist

Als die katholische Kirche aus der Schwangerschaftskonfliktberatung ausstieg, warb Ulrike Stender erfolgreich dafür, dass die Ev. Beratungsstelle diese Aufgabe übernahm. „Es war wichtig, dass die Ev. Kirche dieses schwierige Arbeitsgebiet bejaht hat.“ Die Beratung orientiert sich an dem Leitsatz „Mit der Frau – nicht gegen sie“. Denn eine Entscheidung für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch muss eine Frau ohne Druck von außen treffen können. „Im Gespräch muss sie oder das Paar zu einer Gewissensentscheidung kommen, die für sie langfristig tragbar ist.“ Frauen oder Paare, die glauben, sich aus finanziellen Gründen gegen ein Kind entscheiden zu müssen, kann die Beratungsstelle Möglichkeiten zeigen, wie sie Hilfen bekommen. Ein positiver Nebeneffekt: „Die Beratung rund um Schwangerschaft und Geburt mit der Möglichkeit einen Antrag auf finanzielle Hilfe zu stellen, ist auch ein ‚Türöffner‘. Beratene Frauen und Paare nehmen später auch Erziehungs-, Familien- oder Paarberatung in Anspruch.“

Form der Seelsorge, bei der Kirche gut verortet

Die Arbeit einer Beratungsstelle wird nie ausgehen, weiß Ulrike Stender. „Immer mehr Menschen leben in prekären Situationen. In unserer komplexen Welt verlieren überlieferte Normen und Traditionen an Bedeutung. Gleichzeitig werden immer höhere Anforderungen an den Einzelnen gestellt, das Leben eigenverantwortlich zu gestalten und die dafür notwenigen Entscheidungen zu treffen. Eltern sollen bei Trennung oder Scheidung Konzepte zur gemeinsamen Sorge für ihre Kinder vorlegen und ihre Trennung nicht auf dem Rücken der Kinder austragen; gleichzeitig haben sie selbst mit Trauer und Verletzungen zu kämpfen. Schicksalsschläge und schwere Krankheiten, Trauer um Verstorbene, Ängste, Identitätskrisen bringen Menschen aus dem seelischen Gleichgewicht. „Unsere Arbeit ist eine Form der Seelsorge, und deswegen ist sie bei der Kirche gut verortet“, resumiert sie.

39 Stunden-Woche hatte nie nur 39 Stunden

Wenn Ulrike Stender nach 37 Dienstjahren jetzt in die nachberufliche Phase geht, heißt das nicht Ruhestand. Im Vorstand der Evangelischen Konferenz für Familien- und Lebensberatung e.V. (EKFuL), dem Fachverband für psychologische Beratung und Supervision wird sie weiterhin tätig sein. Dieser Fachverband wird z. B. bei neuen Gesetzgebungen von der Bundesebene angefragt, etwa, als es um Einschätzungen und Bewertungen zum Thema „Vertrauliche Geburt“ ging.  
Ihr ehrenamtliches Engagement für den von ihr mit begründeten Verein „Partner für Korfu“ wird sie fortsetzen, der kleine soziale Projekte z. B. ein Kinderheim und eine Seniorentagesstätte auf der verarmten griechischen Insel Korfu unterstützt. „Deswegen habe ich auch darum gebeten, dass mir zum Abschied keine Geschenke gemacht werden. Ich würde mich mehr freuen, wenn für den Verein gespendet würde.“
Auch im Kuratorium der Stiftung „Duisburg 24.7.2010“, die Angehörige der Verstorbenen und die vielen anderen vom Loveparade-Unglück Betroffenen betreut, wird sie weiter mitarbeiten.
Aber es soll auch Zeit sein für Sport, Reisen, Fahrradfahren, die Gestaltung des Gartens und vor allem für Freunde. Und endlich dafür, zu lernen, wie man den Modeschmuck repariert, der seit Jahren defekt und ungenutzt in der Schublade liegt, weil eine 39 Stunden Woche im Leben der Leiterin der Ev. Beratungsstelle Duisburg / Moers eben nie nur 39 Stunden hatte.

 

 

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